Mannheim

Quadratestadt

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Mạnn|heim:
Stadt an der Mündung des Neckars in den Rhein.

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I
Mạnnheim,
 
Stadt in Baden-Württemberg, Stadtkreis im Regierungsbezirk Karlsruhe, mit 307 700 Einwohnern zweitgrößte Stadt von Baden-Württemberg, liegt in der Oberrheinebene an der Mündung des kanalisierten Neckars in den Rhein, 97 m über dem Meeresspiegel, bildet mit dem auf der anderen Rheinseite gelegenen Ludwigshafen (zwei Brücken) das Zentrum des Ballungsraumes Rhein-Neckar. Mannheim hat Universität (seit 1967, 1946 als Wirtschaftshochschule gegründet), Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Heidelberg-Mannheim (Sitz Mannheim), Fachhochschulen (für Technik; Sozialwesen und Gestaltung; des Bundes für öffentliche Verwaltung [Bereiche Arbeitsverwaltung und Bundeswehrverwaltung]), Institut für deutsche Sprache, Fakultät für klinische Medizin Mannheim der Universität Heidelberg, Psychiatrisches Forschungsinstitut (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit), Berufsakademie (Wirtschaft), Zentralstelle für gewerbliche Berufsförderung der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung, Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt, Westeuropa-Datenarchiv, zahlreiche Fach- und Berufsfachschulen; Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, Bundesanstalt für landwirtschaftliche Marktordnung; Nationaltheater (seit 1778), Landesmuseum für Technik und Arbeit mit Museumsschiff, Städtisches Reiß-Museum, Städtische Kunsthalle; Planetarium. Mit dem Prozess der Industrialisierung nahm Mannheim seit 1880 einen stetigen Aufschwung. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe sind im Maschinen- und Fahrzeugbau (Daimler-Benz AG, John Deere & Co.) sowie in der Eisen verarbeitenden, elektrotechnische (Asea Brown Boveri), feinmechanische und optische Industrie tätig. Mannheim hat ferner chemische Industrie, Kabelwerke, Holz-, Baustoff-, Steingut-, Nahrungs- und Genussmittelindustrie, Brauerei, Druckereien, Papierindustrie und Verlage, ferner ein Großkraftwerk (1 650 MW); größte Regionalmesse Deutschlands (Maimarkt); Sitz von Banken, von Versicherungsunternehmen und Reedereien. Mannheim ist Eisenbahnknotenpunkt (ICE, IC und EC) und hat einen bedeutenden Binnenhafen: (1996) 7,96 Mio. t Umschlag. Der Güterbahnhof gehört zu den größten in Deutschland (bedeutender Containerumschlag; großer Rangierbahnhof). Flugplatz im Stadtteil Neuostheim. - Jährlich im Oktober findet die Internationale Filmwoche Mannheim-Heidelberg statt.
 
 
Von der Planung als Idealstadt zeugt noch der Stadtgrundriss der Innenstadt (144 »Quadrate« genannte Baublöcke um ein Achsenkreuz, dessen Hauptachse auf das Schloss ausgerichtet ist). Von der im Zweiten Weltkrieg schwer zerstörten Barockstadt wurden u. a. wieder aufgebaut: das Schloss (1720-60 von A. Galli da Bibiena, N. de Pigage u. a.; heute zum Teil Universität), eine der ausgedehntesten Schlossanlagen Europas, mit Schlosskirche (Fresken von C. D. Asam, Stuck von P. Egell); Untere Pfarrkirche (1706-23) und Altes Rathaus (1700-11), eine durch einen Turm miteinander verbundene Baugruppe; ehemalige Jesuitenkirche Sankt Ignaz und Franz Xaver (jetzt Pfarrkirche, 1733-60 von Bibiena u. a.; Hochaltar von P. A. Verschaffelt, 1997 rekonstruiert); Konkordienkirche (18. und 19. Jahrhundert); ehemaliger Palais Bretzenheim (1782-88). Mit der Anlage des Friedrichsplatzes am Wasserturm (1885-89, Wahrzeichen von Mannheim) zum Teil mit umlaufenden Arkadenhäusern besitzt die Stadt ein hervorragendes Jugendstilensemble, das die Festhalle »Rosengarten« (1899-1903 von B. Schmitz, Erweiterungsbau 1972-74) und die Kunsthalle (1905-07 von H. Billing, Erweiterungsbau zum Platz hin 1980-83; Kunst v. a. des 19. und 20. Jahrhunderts, besonders Plastik) einbezieht. Das Reiß-Museum (im barocken Zeughaus; 1777-79 von P. A. Verschaffelt) erhielt für Archäologie und Völkerkundesammlungen 1988 ein zweites Gebäude von C. Mutschler, mit interessanter Fassadengestaltung von E. Bechthold. Der Neubau der evangelischen Trinitatiskirche (1957-59) ist ein Beton-Glas-Bau von H. Striffler, der auch die Kapelle im Stadtteil Blumenau (1961) errichtete. Weitere moderne Sakralbauten sind das Gemeindezentrum Pfingstberg (1960-63) und die Lukaskirche (1967; beide von Mutschler), das neue jüdische Gemeindezentrum (1987 von K. Schmucker, mit Bleiglasfenstern von K.-H. Traut) sowie die Yavuz-Sultan-Selim-Moschee mit 32 m hohem Minarett (1995 eingeweiht), größte Moschee Deutschlands, die auf 1 209 m2 2 500 Betenden Raum bietet; weitere Profanbauten das Nationaltheater (1957) von G. Weber, die Multihalle (1975 von Mutschler) im Herzogenriedpark mit der Überdeckung durch eine Holzgitterschale (Durchmesser 85 m) von F. Otto, die Hauptverwaltung der ÖVA (1977) und der Anbau der Badischen Kommunalen Landesbank (1985) von Striffler, der Ergänzungsbau für die Universitätsbibliothek (1988) von G. Böhm, das Landesmuseum für Technik und Arbeit (1990) mit SDR-Studio von Ingeborg Kuhler, der Neubau der Mannheimer Versicherung (1990/91) von H. Jahn. Von dem mit »Euro-City-Center« (»ECC«) bezeichneten Großbauvorhaben am Hauptbahnhof wurde bisher das Handels- und Dienstleistungszentrum »ECC Nord« (1992-96) realisiert; ein Service- und Wissenschaftszentrum (»ECC Süd«) ist geplant. - Mannheim hat eine lange Tradition im Siedlungsbau, bereits um 1840 entstanden interessante Lösungen für Arbeiterhäuser, 1960-70 wurde die Wohnsiedlung Vogelstang nach Plänen u. a. von Striffler errichtet. - Ein technisches Kulturdenkmal ist die 1927 nach Plänen von P. Bonatz gebaute Hubschleuse am Neckarkanal. - In den ausgedehnten Parkanlagen (Luisenpark, Herzogenriedpark) fand 1975 die Bundesgartenschau statt.
 
 
Das Fischerdorf Mannheim, 766 in der Überlieferung des Klosters Lorsch als Mannheim erstmals urkundlich erwähnt (heutige Namensform seit 1262 belegt), kam um 1250 an die Pfalzgrafen bei Rhein, gewann als Zollstelle an Bedeutung. 1247 bestand die landeinwärts gelegene Tiefburg Rheinhausen als Zollstelle, Mitte des 13. Jahrhunderts wurde die unmittelbar am Rhein gelegene Zollburg Eichelsheim erbaut (1622 zerstört). 1606 gründete Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz die Feste Friedrichsburg und legte Mannheim, das 1607 Stadtrecht erhielt, als Schachbrettanlage auf kreisförmigem Grundriss mit acht Bastionen an. Als eine der bedeutendsten Städte der protestantischen Union wurde Mannheim 1622 von kaiserlichen Truppen unter Tilly zerstört, dann wiederum 1689 von französischen Truppen während des Pfälzischen Erbfolgekrieges; 1698 wurde die Stadt samt Festung wieder aufgebaut. 1720 wurde die Residenz der Kurfürsten von der Pfalz von Heidelberg nach Mannheim verlegt, wo sie bis zum Wechsel nach München (1778) verblieb. 1799-1801 wurden die Festungsanlagen abgebrochen, und 1802/03 kam Mannheim an Baden. Die Stadt war 1848/49 das Zentrum der revolutionären Bewegung in der alten Kurpfalz.
 
 
M. in Vergangenheit u. Gegenwart, hg. v. F. Walter, 2 Bde. (1907, Nachdr. 1977-78);
 
M. u. der Rhein-Neckar-Raum. Festschr. zum 43. Dt. Geographentag. .., hg. v. I. Dörrer u. a. (1981);
 
Die Kunstdenkmäler des Stadtkreises M., bearb. v. H. Huth u. a., 2 Bde. (1982);
 H. Kleeberg: M. (1983);
 
Jugendstil-Architektur um 1900 in M., hg. v. J. Schadt, Ausst.-Kat. (Neuausg. 1986);
 
M. ehemals, gestern u. heute, hg. v. J. Schadt,: (1988);
 
M. im Umbruch. Die frühe bad. Zeit, hg. v. P. Spieß (1992).
 
II
Mạnnheim,
 
1) Karl, Soziologe, * Budapest 27. 3. 1893, ✝ London 9. 1. 1947; studierte Philosophie und Soziologie; zunächst in Budapest, dort von G. Lukács stark beeinflusst, dann in Berlin, Paris, Freiburg im Breisgau und Heidelberg; Schüler M. Webers; 1930-33 Professor für Soziologie in Frankfurt am Main. 1933 emigrierte er nach Großbritannien, wo er zunächst an der London School of Economics und ab 1942 an der Universität London tätig war. Wesentliche Aussagen seines Denkens formulierte Mannheim in seinem 1929 erschienenen Buch »Ideologie und Utopie«, dessen Mittelpunkt die Frage nach den Ursprüngen des modernen Denkens bildet. Das Buch fand eine große öffentliche Resonanz, stieß jedoch zugleich auf heftige Kritik.
 
Mannheim entwickelte eine Wissenssoziologie, die von einem »totalen Ideologiebegriff« ausgeht, d. h. von der »sozialen Seinsverbundenheit« des Denkens und seiner Strukturen; die Abhängigkeit des Bewusstseins und Denkens der Menschen von ihrem jeweiligen sozialen Standort ist unaufhebbar. Angesichts des Nationalsozialismus in Deutschland und des Schicksals der Weimarer Republik forderte Mannheim die Entwicklung einer »geplanten Demokratie«, die durch Beherrschung irrationaler Kräfte den Umschlag der Demokratie in den Totalitarismus verhindern könne; dafür müsse bereits in der Erziehung und durch die Ausbildung von Eliten die Grundlage gelegt werden.
 
Weitere Werke: Man and society in an age of reconstruction (1935; deutsch Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus); Diagnosis of our time (1943; deutsch Diagnose unserer Zeit); Freedom, power, and democratic planning (herausgegeben 1950; deutsch Freiheit und geplante Demokratie); Essays on sociology and social psychology (herausgegeben 1953); Systematic sociology (herausgegeben 1957).
 
Ausgabe: Konservatismus. Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens, herausgegeben von D. Kettler u. a. (1984).
 
 
R. K. Merton: Social theory and social structure (New York 111967);
 A. Neusüss: Utop. Bewußtsein u. freischwebende Intelligenz. Zur Wissenssoziologie K. M.s (1968);
 G. W. Remmling: Wissenssoziologie u. Gesellschaftsplanung. Das Werk K. M.s (1968);
 D. Boris: Krise u. Planung. Die polit. Soziologie im Spätwerk K. M.s (1971);
 
Ideologiekritik u. Wissenssoziologie, hg. v. K. Lenk (1976);
 
Georg Lukács, K. M. u. der Sonntagskreis, hg. v. É. Karádi u. a. (a. d. Ungar., 1985);
 D. Kettler u. a.: Polit. Wissen. Studien zu K. M. (1989);
 W. Hofmann: K. M. zur Einführung (1996).
 
 2) Lucie, Schauspielerin, * Berlin 30. 4. 1899, ✝ Braunlage 18. 7. 1976; spielte 1918-33 und 1949-58 an Berliner Bühnen tragische und komische Rollen; besonders bekannt als »Göttliche Jette« (1931); emigrierte 1933 nach Großbritannien.
 
 
R. Lehnhardt: Die L.-M.-Story (1973).

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Mạnn|heim: Stadt an der Mündung des Neckars in den Rhein.

Universal-Lexikon. 2012.

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